Mentorstiftung Universitätsklinikum Heidelberg Universität Bielefeld
Internationaler Fachkongress 2007
 
 


Rausch als Risiko und Chance – neue Wege der Suchtprävention"


Klaus Hurrelmann, Universität Bielefeld


Die Ergebnisse der letzten Shell Jugendstudie haben es erneut gezeigt: Die junge Generation heute ist überwiegend konstruktiv auf ihre Zukunft ausgerichtet und durchaus leistungsmotiviert. Zugleich nimmt sie große Unsicherheiten bei ihrer Zukunftsgestaltung wahr und entwickelt nicht unberechtigte Zukunftsängste. Aus dieser Konstellation ergibt sich ein sehr hoher unterschwelliger psychischer Druck, der zu Belastungen führen kann. Ein Ausweg im Sinne eines entlastenden „Druckventils“ ist der Konsum von psychoaktiven Substanzen. Es werden aus den letzten vorliegenden vergleichenden Studien der Health Behaviour in School Children-Studie unter Koordination der Weltgesundheitsorganisation die jüngsten Daten zum Vorkommen von unkontrolliertem rauschhaften Drogenkonsum vor allem auch bei der Droge Alkohol vorgestellt.

Im zweiten Teil des Referates werden konzeptionelle Überlegungen angestellt, wie auf die veränderte Ausgangssituation bei der Suche nach Entspannung über Rauschzustände mit präventiven Ansätzen vorzugehen ist. Die neueren Ansätze bauen in der Regel auf bewährten Konzeptionen auf und versuchen, die veränderte Ausgangslage zu berücksichtigen. Erste Erfahrungen mit entsprechenden Programmen werden erörtert.

„Vom 'Elend der Suchtprävention' zur Reform der Drogenerziehung: Vorschläge zur Erneuerung"

 

Prof. Dr. Stephan Quensel, Universität Bremen

 

Die weithin erfolglose schulische Sucht-Prävention verkennt die Funktion des Konsums der Droge, die zusammen mit Delinquenz und junger Liebe jugendkulturell der Identitätsbildung dient. Der Blick auf den Drogen-Konsum übersieht das Risiko der Abstinenz wie das schul-bezogener Probleme. Die negative Definition der Droge verfehlt deren positive Funktionen und damit den Adressaten. Der Sucht-Fokus perpetuiert Horroraufklärung und Entmündigung. Statt Autonomie und Solidarität schürt sie Abhängigkeit und Intoleranz. Eine Alternative läge im Vorbild einer 'Sexualkunde' à la >Bravo<.

„Von der Suchtfixierung zur Integrationsorientierung – Perspektivwechsel für Praxis & Theorie der Suchtprävention”

 

Dr. Henrik Jungaberle


Wie entstehen neue Impulse für die Entwicklung des Feldes Suchtprävention und Drogenerziehung? Viele Präventionsprogramme werden entweder kaum durchgeführt, erweisen sich als nur begrenzt wirksam oder sogar als nutzlos.Während die Drogenpolitik zwischen Stagnation und kaum zuende gedachtem Verbotsaktionismus schwankt, ist es sinnvoll, noch einmal über Ziele, Mittel, Grenzen und Tabus in der Suchtprävention nachzudenken. Dabei zeigt sich, dass die Fixierung auf Sucht und Pathologie wichtige Teile des Drogenthemas ausblendet, den Zugang zu Risikogruppen erschwert und das offene Gespräch unter Experten und in Familien belastet. Dabei sind Dutzende psychoaktiver Substanzen Teil unserer modernen Lebenswelten geworden, viele werden in den nächsten Jahren dazukommen und selten wird darüber nachgedacht, dass Verbot und Angstappell nur kleine Bausteine eines rationalen Drogen-Regulationssystems sein können. Im Vortrag wird ein Modell skizziert, das Drogengebrauch von seinem Gelingen her denkt - gleichgültig der Tatsache, dass hier immer nur Annäherungen zu beschreiben sind. Dieser salutogenetische Ansatz reduziert den Konsum von Tabak, Alkohol, Halluzinogenen usw. nicht auf (neuro)biologische, soziale oder psychologische Prozesse. Vielmehr wird vorgeschlagen, in einem Wechselspiel von Anforderungen und Ressourcen zu denken. Was braucht oder bräuchte es, um produktiv mit Chancen und Risiken umzugehen? Fragen an die möglichen Konsumenten können dann etwa so lauten: " Welche Ziele verfolgst du wirklich? Erreichst du mit deinem Konsum tatsächlich diese Ziele? Hast du die Fähigkeiten, mit den Anforderungen umzugehen, die Nikotin, Alkohol, Cannabis und Co. an deinen 'biosozialen' Organismus stellen?" In der Perspektive dieses Integrationsansatzes ist das Ziel jeder Makro- und Mikrointervention die "Integrationsspannung" zu erhöhen - bei Einzelnen und sozialen Gruppen.
Im Vortrag wird ein Modell der Integrationsorientierung erläutert und erste Daten aus dem RISA-Längschnittforschungsprojekt präsentiert, die in dessen Rahmen eingeordnet werden können. Beispielhaft werden Schlussfolgerungen für das System Schule skizziert.

 
 
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